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“Nacht”

Ich hatte heute auf dem nächtlichen Heimweg eine spontane Inspiration, die ich inzwischen schritlich festgehalten habe. Man kann dieses kleine Werk als “Momentaufnahme” ansehen, der Titel lautet “Nacht”.

Nacht

Die Gestalt geht durch die Stadt, es ist lange nach Mitternacht. Die Laternen sind zum Teil beschädigt und spenden nur spärliches Licht, das die dunkle Nacht kaum ausleuchten kann. Der graue Überwurf, der die Arbeitskleidung der Sucher darstellt umhüllt die Gestalt, dennoch ist leicht zu erkennen, dass sich darunter ein großer, nahezu unheimlich schmaler Mann befindet. Er ist auf der Jagd, hat einen Auftrag. Von wem der Auftrag an die Sucher ging ist unwichtig. Der Auftrag scheint dem Mann einfach: Er soll eine Schattenkreatur ausfindig machen. Der Auftraggeber bestand lediglich auf das Aufspüren der Kreatur, eine Exekution war nicht vorgesehen. Falls es also zu einem Angriff kommen sollte, würde er sich etwas einfallen lassen müssen. Der Mann kommt an einem Verkehrspiegel vorüber, und nimmt seine Kapuze ab, die er ob des leichten Nieselns aufgesetzt hatte – und wohl auch weil er sie mochte – schaut zum Spiegel hoch und sieht leicht verzerrt sein Antlitz: ein ungesund bleiches Gesicht blickt ihm entgegen, auf dessen rechter Gesichtshälfte sich eine schwarze Tätowierung von Ohr bis zur Nase schlängelt. Er schüttelt sich etwas und ein sehr leises Klingeln ertönt. Er schmunzelt, fährt mit der Hand durch die schneeweißen zusammengebundenen Filzlocken und streift dabei leicht eine der eingeflochtenen Schellen. Nach einem langen Seufzer setzt er die Kapuze wieder auf, überzeugt sich, dass seine Waffen an ihrem Platz sind und begibt sich in Richtung Westen, stadteinwärts, nun wesentlich rascher als vorhin. Sein Entschluss scheint festzustehen: Er möchte sein Glück im Schloss, dem ehemaligen Verwaltungssitz versuchen, da er dort am ehesten die nötige emotionale Stimmung für die Bildung von Geisterwesen und Schattenkreaturen vermutet. Er passiert die Hängebrücke, die behelfsmäßig schon seit Jahren über die Trümmer der alten Brücke den Ost-Teil mit dem Stadtinneren verbindet und greift erneut auf seine Waffen, wie um sich zu versichern, dass beide noch immer da seien. Nichts hat sich verändert: Auf seinem Rücken unter dem Überwurf hängen immer noch die RAH Mk. II und ein Wakizashi, griffbereit, falls die Situation eskalieren sollte. Der Mann blickt traurig und erinnert sich an die Erinnerungssplitter aus einem Kristall den er einst besaß. Sie zeigten, wie die Stadt einst ausgesehen hat, es war ein prächtiger Anblick. Der Mann wundert sich über die Zerstörungswut der Menschen und die zahlreichen Unfälle in denen die Menschheit ihre Technologien nicht im Griff hat, diese Tatsache nur noch unterstützend zur Zerstörungswut. Er wischt mit der Hand über das Gesicht, scheinbar um die Falten zu glätten oder sich die Trauer abzuwaschen, man weiß es nicht.
Dann, völlig nüchtern und betont emotionslos, betritt er die Schlossruinen und richtet seine Schritte in Richtung Kellerabgang.

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