Mass Effect 2 – Co-op Review (Angandi & GhostLyrics)
Mass Effect 2 war vermutlich einer der meisterwarteten Titel dieses Jahres und vermutlich einer der Kandidaten für das Spiel des Jahres. Nach einem Mass Effect (1), das einerseits von einem unglaublichen Hype profitiert hat, auf der anderen Seite aber unter diversen Designschwierigkeiten litt, die vor allem das Handling des Interface zu einem gewissen unvergnüglichen Beiwerk gemacht haben, lag es an Bioware einen würdigen Nachfolger für ein Spiel mit epischer Story und ähm naja, epischer Story halt und sonst nicht immer so tollen Eigenschaften zu erschaffen. Hier versuchen wir zu klären ob dies gelungen ist.
Import oder Neustart?
Zu Beginn von Mass Effect 2 gibt es die Möglichkeit einen eventuell vorhandenen Spielstand eines abgeschlossenen Mass Effect 1 zu übernehmen. In einem solchen Fall werden wesentlich mehr Entscheidungen aus ME1 übernommen, als man auf den ersten Blick vermuten würde, allerdings sind diese Konsequenzen unwesentlich, da sie ausschließlich für eine erweiterte Atmosphäre sorgt. Der Vorteil bei der Sache ist, dass man zwar belohnt wird, sollte man einen ME1 Spielstand vorweisen können, auf der anderen Seite aber keinen spielerischen Nachteil hat, sollte dies nicht der Fall sein. Im wesentlichen ist dies ein netter Kniff, jedoch größtenteils unnötig, da die wirklichen spielerischen Änderungen wie ein Teil der übernommenen Moral, des Geldes und der Erfahrung gelinde gesagt, mickrig ausgefallen sind.
Standardmäßig nimmt das Spiel an, dass der Rat HALT! Falsch. Das Spiel nimmt nichts an. Während einer Sequenz prüfen zwei von Commander Shepards Teamkollegen sein/ihr (es obliegt dem Spieler eine männliche oder weibliche Figur zu erstellen) Gedächtnis. Hierbei ist es also möglich noch einmal die Entscheidungen nachzuholen, sollte man seinen Spielstand trotz unzähliger Aufforderungen seitens Bioware vernichtet haben.
Ergo: Jenes Feature, das von EA extrem gehypt wurde, ist zwar enthalten, hat allerdings keinerlei spielerischen Wert.
Spielmechanik
Die von ME1 erhaltene Spielmechanik wurde grundlegend vereinfacht, sofern das noch irgendwie möglich war. Rollenspielelemente waren bereits im ersten Teil nur weniger wichtig integriert und basierten teils auf unübersichtlichen Charakterwerten, deren absoluten Wert im Endeffekt nirgends einsehbar war. Im Nachfolger wurde dies nicht wesentlich verbessert; der Rollenspielfaktor soll scheinbar auch für das Modern Warfare 2 Publikum noch ansprechend sein. Und tschüss Rollenspiel, denn es gibt zwar einige Dinge, die ME2 nach einem Rollenspiel aussehen lassen wollen, diese sind aber zweifelhaft.
Zweifelsfrei ist ein Bestandteil des Großteils an Rollenspielen die Möglichkeit des umfangreichen Mikromanagments. Es muss/kann alles verwaltet werden: Skills, Gegenstände, Quests; kurzum alles. Wie löste dies ME1? Ein Teil wurde von einem suboptimalen Inventar verwaltet, das sich auf der Xbox 360 furchtbar steuerte und in der PC Fassung wohl einige Mausräder aufgrund von Überbeanspruchung zerstörte. Der Rest war dem Spieler unzugänglich. Die Fans von ME1 haben sich über das suboptimale Inventar beschwert und man möchte meinen, ihre Klagerufe sind auf offene Ohren gestoßen. Auf der einen Seite: Bioware hat das Inventar verändert. Positiv. Auf der anderen Seite: Es gibt kein Inventar in diesem Sinn mehr. Negativ?
Nahezu alle Ausrüstungsgegenstände – die im Übrigen auf Waffen reduziert wurden, angepasste Rüstungen mit merkwürdigen, undurchsichtigen Statusboni gibt es nur mehr für den Spieler – liegen jetzt in einer Art Datenbank und werden darüber verwaltet, wobei selbst diese Verwaltung noch unnötig ist, da das Spiel, wohl aus Rücksicht auf strategieunwillige Shooterspieler, die besten Waffen automatisch zuteilt (und damit sogar diese Möglichkeit zur Individualisierung überflüssig macht). Waffenupgrades gibt es auch wieder, diese werden aber ebenfalls nach ihrem Kauf / ihrer Erforschung automatisch angewendet und nehmen dem Spieler so bis auf die Wahl seiner Waffe und des Aussehens seiner Rüstung jegliche Möglichkeit zur äußerlichen Anpassung seines Charakters.
Was kann man also noch anpassen, in diesem auf Rollenspiel getrimmtem Third-Person-Shooter? Die Skills bleiben dem Spieler als letzte Bastion der eigenen Entwicklung. Bedauerlicherweise muss man anmerken, dass es sich auch hier nicht zwangsläufig um eine Verbesserung handelt. Das System aus ME2 beinhaltet ganze sechs (+1) Skills und wurde somit erheblich abgespeckt, denn während die zwölf Skills aus ME1 zwölf Stufen hatten, gibt es hier nur mehr vier Stufen, wobei die vierte Stufe die Fähigkeit entscheidend verbessert und mit Zusatzeffekten ausstattet.
Tatsächlich basiert das Spiel immer noch auf der Unreal 3 Engine und ist somit grundlegend ein Shooter mit einem mäßigen Deckungssystem, was sich mal deutlicher mal weniger deutlich zeigt. Besonders deutlich jedoch dann wenn Hinterhalte schon bis zum Himmel stinken, weil man die hüfthohen Mauern, die bei Feuergefechten als Deckung dienen, sehen kann, auch wenn keine Feinde zu erkennen sind. Die Feuergefechte sind allerdings gut inszeniert, das ganze steuert sich angenehm und wenn die KI der Teamkollegen auch nicht immer perfekt ist, so erweisen sich diese als wesentlich hilfreicher als in ME1.
Nebenmissionen und Planetenscans
Gerade bei den Nebenmissionen auf Planeten hat sich im Vergleich zu ME1 einiges getan. Diese wurden im ersten Teil aufgrund ihrer Eintönigkeit stark kritisiert. Eintönig wegen immer dem gleichen Design: Mit dem Mako (3-achsiges Panzerfahrzeug für Bodenoperationen mit MG und Hauptgeschütz, vom Spieler steuerbar und (reine Spekulation) umgeben von einer Schwerkraft aufhebenden Blase. Nur mit dieser Blase ist es zu erklären, dass die Fahrphysik des Mako eher den Namen Gummiball verdient hätte.) auf dem Planeten landen. Auf immer derselben Hügellandschaft (je nach Planet andere Farbgebung) herumfahren und Materialien bergen oder unterirdische Anlagen säubern, welche auch immer gleich aussahen und sich höchstens durch unterschiedliche Kistenpositionierung unterschieden. Dieses “Feature” diente definitiv mehr zur Erhöhung der Spielzeit (um ca. 15-20 Stunden) als dem Spaß.
In ME2 sieht die Sache schon anders aus. Das Mako wurde komplett gestrichen, es geht also nur noch zu Fuß voran, dafür aber um einiges abwechslungsreicher. Meist ballert man sich von A nach B um irgendetwas zu bergen oder zu aktivieren. Gelegentlich gibt es jedoch auch originelleres Design: In einer Mission muss man Lichtsignalen durch den Nebel folgen, in einer anderen, einen Mech mit Energie versorgen, damit dieser den Weg freisprengen kann. Einmal ist man sogar ohne Team unterwegs und muss Daten von einem auf einer Klippe schaukelnden Schiffswrack bergen. Alles in allem sind die Nebenmissionen in ME2 auf jeden Fall um einiges abwechslungsreicher und motivierender als die in ME1. Leider dauert jedoch jede einzelne dieser Missionen allerhöchstens 15 Minuten, meist nur ca. 5 und sie wirken teilweise sehr aufgesetzt …
Um auch in ME2 die Spielzeit zwanghaft um einige Stunden zu steigern, haben die Entwickler die Möglichkeit eingebaut, jeden einzelnen Planeten manuell zu scannen. Dazu fliegt man den Planeten an, fuchtelt mit dem Scanner so lange auf der Planetenoberfläche hin und her, bis ein Ausschlag auf der Skala zu sehen ist. An diese Stelle muss nun eine Sonde geschossen werden, welche erst gekauft werden muss, und kriegt nun eines oder mehrere der 4 Materialien gutgeschrieben. Auf jeden Planeten lassen sich je nach Sorgfalt ca. 15-60 Sonden schießen. Das lässt sich mit jedem Planeten in der Galaxie machen und davon gibt es einige. Die Materialien sind relevant um Upgrades für Waffen, Rüstung, Schiff etc. erforschen zu lassen. Dazu werden jedoch relativ wenige Rohstoffe benötigt, so dass man nicht gezwungen wird, allzu oft das nervige Scannerspiel zu spielen.
Grafik
Tja, die Grafik ist sicherlich nicht von schlechten Eltern, besonders die Texturen sehen auf der Xbox 360 sehr schön aus, zudem wurde es verhindert erneut Texturen erst im allerletzten Moment zu laden und somit dem Spieler das Gefühl eines unfertigen Spiels zu geben. “Pop-ins” sind demnach kaum noch vorhanden (man merke: “kaum”, nicht “gar nicht”) und die Grafik sieht mitsamt ihren Effekten durchgehend gut aus und ist sicherlich gut an die Atmosphäre des düsteren Spiels angepasst. Allerdings habe ich mehrfach gehört, dass die Auflösung der Textelemente auf Low Definition Fernsehgeräten derart miserabel ist, dass man gewissen Teile kaum lesen kann. Erinnert mich (GhostLyrics) spontan an eine Castle Crashers Session mit Riffmaster.
Na, auch auf dem PC kann sich ME2 sehen lassen. Man merkt der Unreal Engine 3 zwar schon deutlich ihr Alter von inzwischen vier Jahren an, Bioware hat trotzdem nochmal wirklich das Beste herausgeholt. Gerade bei den Gesichtern und Animationen haben sie ganze Arbeit geleistet. Bei den Hintergründen auf Planeten zeigt sie dann aber doch ihre Schwächen. 2D Tapeten kaschiert mit 3D Objekten, auf den ersten Blick vielleicht nicht zu erkennen, auf den zweiten jedoch wird der Betrug recht deutlich. Alles in allem kann man nicht meckern, und so wichtig ist die Grafik dann ja doch wieder nicht, stimmig, ist sie auf jeden Fall! Auch lassen sich auf dem PC für ein mehr oder weniger von der Konsole portiertes Spiel einigermaßen viele Grafikeinstellungen im Menü des Launchers machen, mit etwas Nachhilfe lässt sich auch Kantenglättung aktivieren, bringt jedoch nur geringe optische Verbesserungen. Grafikfehler sind dafür sehr wenige anzutreffen, noch ein Pluspunkt.
Sound
Wer kann nicht die Menümusik von “Age of Empires 2″ summen? Wenn ich Age of Empires höre, summt sofort etwas in mir. Wenn ich an Mass Effect 2 denke, und das Spiel mit “Musik” in Verbindung bringen soll, muss ich au(wo sie zumindest mir als Scharfschütze nur im Weg waren ~Gly).ch sofort an “Etwas” denken. Sicher nicht an Musik, denn so will man das Gedudel in der Galaxiekarte sicher nicht nennen, aber immerhin bleibt es hängen, leider, denn wer sich nach spätestens 10 Spielstunden nicht im Menü “Sound” eingehend mit dem Regler “Musik-Lautstärke” beschäftigt hat, ist entweder taub, oder war schon zuvor geistesgestört. Diesen Regler kann man ohne Bedenken auf 0% stellen, denn die “Musik” in der Galaxiekarte und das nervtötende Gedudel in den “Clubs” auf manchen Planeten, sind größtenteils alles, was Mass Effect 2 an offensichtlichem “Soundtrack” zu bieten hat.
Auch bei den Waffensounds ist nicht sonderlich viel geboten, na, aber immerhin machen die Dinger Geräusche, wenn man damit schießt.
Ebenso bekleckern sich auch die Umgebungseffekte nicht gerade mit Ruhm, wenn es denn mal welche gibt, sind sie entweder unspektakulär oder nervtötend. Die Gänge in denen Angandi ein Level aufgestiegen ist, hatten grundsätzlich eine Sirene, und nein, die Sirenen sind weder durch warten, noch durch wildes in der Gegend Herumballern totzukriegen!
Die einzige Disziplin, in der alles tadellos läuft, ist die der Charaktersprecher, sowohl die (männliche) deutsche Stimme des Protagonisten, als auch die Stimmen der zahlreichen Gesprächspartner sind durchwegs hervorragend, im Vergleich zu anderen Spielen.
Gleiches lässt sich auch zur weiblichen Stimme im englischen Spiel sagen, das durchwegs sehr atmosphärisch klingt und eine gewisse Glaubwürdigkeit zu erzeugen weiß.
Story
Man kann es ohne Bedenken hinausposaunen: Bioware hat eine großartige Story als Rückgrat von Mass Effect 2 hingelegt. Die überzeugende Präsentation dieser Handlung, die einen mitzureißen vermag, obwohl ihr Ende klar voraussehbar ist, macht ME2 zu einem guten Spiel. Sowohl die etwas dürfte Haupthandlung, als auch die einzelnen Parts der Gruppenmitglieder sind nett durchgescriptet und durch die fleißigen Schreiberlinge haben diesmal die moralischen Entscheidungen eine wesentlich dramatischere Auswirkung, die sich gleich manifestiert (beispielsweise als Faust im Gesicht seines Gegenübers). ME2 lebt teilweise aber zu sehr von seiner hervorragenden Handlung, ja teilweise möchte man den Eindruck bekommen, dass andere Bereiche nur aufgrund der Story noch erträglich sind. Wir wittern den gleichen Effekt wie bei der Werbung im TV: Man sieht sie sich bloß an, weil man wissen möchte, wie der Film eigentlich weitergeht. Aber um es nochmal klar auszudrücken: Die Story ist einer von ME2s stärksten Pluspunkten.
Fazit
Angandi: 80 Stunden habe ich gebraucht, und ich habe mich kein einziges mal gelangweilt, oder übermäßig geärgert. Alles in allem ist das Spiel stimmig und abwechslungsreich, klar, es hat eindeutige Macken, aber die Art wie die Story und die soziale Verbindung mit den anderen “Teamkollegen” aufgebaut sind, ist einfach überragend. In keinem anderen Spiel (Dragon Age Origins mal ausgenommen), hat man solche Entscheidungsfreiheit, und kriegt die Folgen seiner Entscheidungen so spektakulär und tragisch demonstriert wie in Mass Effect 2. Für mich eines der mit Abstand besten Spiele der letzten Jahre.
GhostLyrics: Ich habe laut meiner Tabelle inzwischen um die 300 Spiele gespielt… dazu muss ich sagen, dass Mass Effect 2 eines von vier Spielen ist, die es jemals geschafft haben, mich mit ihrer Handlung derart zu fesseln, dass ich den Controller kaum weglegen konnte. Besonders nachdem ich das erste ME so oft durchgespielt hatte, war ich nicht überzeugt, dass ich mich für den zweiten Teil auch nur peripher begeistern könnte. Dennoch ist für mich ME2 ein unglaublicher Genuss geworden. Besonders begeistert war ich bereits als ich im Trailer die Vorschau auf Talis Mission sah, durch die hervorragende Ingame Präsentation war ich hin und weg. Hätten wir hier eine 1-10 Skala, so würde ich ME2 eine 10,5 ausstellen… wobei allerdings 9 dieser Punkte an die überzeugende Atmosphäre gehen, kaum ein Teil der Punktwertung würde sich aufs Spiel selbst beziehen.

Beautiful Disaster
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