Grazer Linux Tage 2010, 24. April
Wir berichten von den Grazer Linux Tagen 2010, einer in der FH Joanneum abgehaltenen Informationsveranstaltung, die sich dem freien Betriebssystem Linux widmet und dabei sogar Gastgeber für die ähnlichen *BSD-Systeme war.
Keynote – Arbeiten in einer virtuellen Firma: MySQL
Bereits bei der Keynote war eines klar: Der Fokus, der doch etwas klein gehaltenen Veranstaltung, liegt trotz deutschsprachigen Vorträgen mehr auf Internationalisierung, als man meinen würde. Die von einem (noch) bei Sun (und demnächst bei Oracle) angestellten Entwickler von MySQL präsentierte Einleitung zum Thema Arbeiten in einer virtuellen Firma: MySQL sprach die interessanten Aspekte des Teleworking beziehungsweise Home-Office trotz Anstellung in einer Firma an und präsentierte kurz aber aufschlussreich die Vor- und Nachteile des über verschiedenen Standorte, ja sogar Kontinente verstreuten Unternehmens.
Von den anfangs 400 Mitarbeitern von MySQL waren 70% Heimarbeiter, darunter auch der CEO. Erst später Büros eingeführt, als besonders der Finanzbereich nicht mehr praktisch von zu Hause zu erledigen war. Dieser war gemeinsam mit dem Administrationsbereich einer der schwierigeren Bereiche für Heimarbeiter; wesentlich besser liefe dieses Prinzip jedoch für Entwicklung und Support, sowie für die ständig reisenden Counseling & Training Beauftragten, so der Vortragende. Ein weiterer essentieller Vorteil des Arbeitens von zu Hause aus sei es, dass die Notwendigkeit eines Umzugs wegfalle, sowie dass man so bei der Talentsuche nicht auf ein lokales Einzugsgebiet beschränkt sei. Sehr viele Mitarbeiter stammen auch direkt aus der Community, wobei Rekrutierungen über Internet, beziehungsweise Telefonkonferenzen erfolgt seien. Essentiell zur Kommunikation seien dabei Tools wie IRC-Channels, Skype und Mailing-Listen.
Der Vortragende merkte besonders an, dass eine solche Firmenstruktur nur dann perfekt funktionieren könne, wenn man diese bereits zu Beginn in eine Firma integriert, beziehungsweise die Firma darauf aufbaut. Ein nachträgliches Einführen dieses Modells sei schwierig.
Blender 3D 2.5 – Das professionelle 3D-Production-Environment
Blender 2.5 ist ein professionelles Programm für 3D Umgebungen, das sich seit vielen Jahren in der Szene der freien Software und auch der 3D-Grafiker etabliert hat (wobei sich dies auf frühere Versionen der Software bezieht, da sich Version 2.5 gerade in der Entwicklung befindet und laut Vortragendem etwa zu 80-85% einsatzfähig ist).
Hervorheben sollte man wohl die Vorführung einer Animation des Commit-Logs des Quellcodes, das eindrucksvoll den ständig stattfindenden, weit verzweigten Arbeitsvorgang visualisieren konnte.
Für Konsumenten sei hier zu erwähnen, dass sich gerade der zweite Open-Movie in der Produktion befinde, betitelt „Project Durien”, erscheinen wird dieser allerdings unter dem Titel „Sintel”. Anschließend werden analog zum ersten Open-Movie erneut alle Materialien freigegeben, sowohl Modelle, wie auch Scripten und viel mehr. Dies dient in erster Linie der Dokumentation, um anderen Künstlern Vorbilder zum Lernen zu geben.
Ähnlich dazu der Film Plumiferos aus Brasilien, der mit einer angemessenen Länge von 90 Minuten ausschließlich mit Blender produziert wurde.
Weiters angesprochen wurde die nicht sehr verbreitete Möglichkeit 3D Modelle drucken zu lassen, dafür seien shapeways.com und rapidobject.com ernstzunehmende Empfehlungen.
Eine extreme und angebrachte Neuerung hinsichtlich Blender sei die überarbeitete, allerdings bedauerlicherweise auf Mac OSX demonstrierte flexible GUI. Im Gegensatz zur Vorversion, die nur nach vorherigem Auswendiglernen etlicher Hotkeys bedienbar gewesen sei, ist nur ein kontextsensitives „Toolshelf” verfügbar. Sämtliche verwendbaren Teile seien objektorientiert und ein mögliches Verlinken untereinander – auch zwischen verschiedenen Dateien – verhindert das unnötige Aufblähen von Dateien durch Kopieren von häufig verwendeten Dingen. Dass dies meiner Meinung nach zu Dependency-Problemen führen kann, wurde hierbei nicht erwähnt. Weiters hingewiesen wurde auf die blender-users group in Graz.
Freiheit der Aus(zu)bildenden im digitalen Zeitalter
Dieser nicht unbedingt ausschließlich auf Linux bezogene, sehr salopp präsentierte Vortrag beschäftigte sich großteils mit den Problemen, denen Nutzer von Programmen heutzutage gegenüberstehen, die Schwierigkeiten durch den Vendor-lockin, also das Phänomen, dass Nutzer durch das Erlernen spezieller Programme, anstatt der generellen Techniken auf bestimmte, meist proprietäre (=nicht quelloffene) Software geprägt werden und somit nicht nur die Akzeptanz, sondern auch der Lernwille gegenüber freien Alternativen beschränkt wird.
Hierbei wurde die Analogie diverser Alltagsgegenstände zu Software verwendet. Sollte man beschließen, einen Gegenstand in einer nicht vom Hersteller vorgesehenen Weise zu verwenden, wird einem dies wohl oft nicht abgesprochen werden, besonders wenn dies für den privaten Gebrauch geschieht. In Hinsicht auf Software ist diese Bestimmung aber sowohl anders vorhanden, als auch die Rechte, was man genau mit seiner erworbenen Software machen darf, in den Lizenzrechten enthalten. Dazu zählt bei den proprietären Softwarelösungen zumeist eine „nicht-verändern”-Bedingung, die u.a. Softwarediebstahl vorbeugen soll. Auf der anderen Seite verhindert sie aber nicht nur jegliche Mitarbeit der Community, sondern auch ein selbstständiges Ausbessern von Fehlern.
Besonders drastisch sei auch die Verwendung von gestohlener Software, wie das Weiterverwenden von Schullizenzen nach dem Austritt aus selbigen, die Nutzung dieser Lizenzen für kommerzielle Zwecke sowie das „zufällige Liegenlassen” von Datenträgern/Lizenzschlüsseln.
Ein hervorragende Leistung hingegen erbrachte die so genannte „School of Audioengineering”, die nach der Hochrechnung für die verwendete proprietäre Software den Entschluss fasste, eine bestehende Open Source Lösung zu erweitern, diese Entwicklung zu finanzieren und dies anschließend in den Quellcode wieder einfließen zu lassen, zum Wohle aller Nutzer.
Für alle Interessierten, die die Tatsache des Monopols der proprietären Software anzweifeln, wird empfohlen, im Handel nach Geräten zu fragen, die freie Standards wie Ogg Vorbis anspielen.
Open Source Spracherkennung: simon
Unter dem Namen „Simon” präsentierte sich eine Open Source Spracherkennungssoftware, die trotz ihrem momentanen Alpha Zustand der Version 0.3 (noch nicht veröffentlicht) bereits vorzeigbar ist. Die Besonderheit dieser für Windows und Linux erhältlichen Software liegt in der Tatsache, das kein „Sprachmodell” mitgeliefert wird, im Gegensatz zu den erhältlichen kommerziellen Lösungen, wie beispielsweise Dragon Naturally Speaking. Simon bietet drei Möglichkeiten, Sprachmodelle zu verwenden:
- vorhandene Modelle einlesen
- adaptive Modelle erstellen (Kombination aus eigenen Aufnahmen & vorh. Modell)
- vollständige Erstellung eines eigenen Modells
Positiv aufgefallen ist neben dem offensichtlichen Potential für die Nutzung des Computers beeinträchtigter Menschen die einfache Erstellung neuer Szenarien für Programme. Diese sind durch eine eigene Paketverwaltung eingebunden. „Simon” integriert sich in die KDE-Oberfläche und setzt neben der Community auf die Website voxforge für die Erhältlichkeit existierender Sprachmodelle. Das Hauptkonzept liegt allerdings klar auf der Modularität des Projektes und der Tatsache, dass kein Sprachmodell mitgeliefert wird, sondern die Idee hinter dem Projekt auf der Aufnahme eigener Modelle beruht.
Entsprechend dazu läuft das so genannte „Benefit”-Projekt, das speziell das Sprachmodell für Senioren bereitstellen möchte, um deren Umgang mit Computern weitgehend zu erleichtern.
Ein weiteres Projekt nennt sich „ASTROMOBILE” und dient der Entwicklung von sprachgesteuerten Haushaltsrobotern, die Zielgruppe sind hier erneut Senioren.
In der Entwicklung befindet sich unter anderem eine verbesserte Funktion zur Diktation.
„Simon” plant, sich bezüglich Sprachaufnahmen via voxforge und der Erstellung von Szenarien verstärkt auf die Community zu verlassen. Ferner ist es möglich, „Simon” durch direkte Mithilfe am Code oder bei Übersetzung, sowie Dokumentation zu helfen.
„Simon” ist unter http://www.simon-listens.org aufzufinden, während die Entwicklung auf Sourceforge stattfindet.

Fazit
Da für das Jahr 2010 der Linuxtag in Klagenfurt eine Pause eingelegt hat, habe ich mich kurzerhand dazu entschlossen selbigen in Graz zu besuchen. Die vergleichsweise weite Anreise hat sich jedenfalls gelohnt. Auch wenn die Informationsstände üppiger ausfallen hätten können, war der Tag sehr informativ. Besonders hervorgetan haben sich dabei die Vorträge über MooTools, wegen dem hohen Informationsgehalt, Simon-Listens, wegen dem Innovationsfaktor des Projekts, und PostgreSQL, wegen dem humorvollen Vortrag. Für nächstes Jahr kann sich Graz jedenfalls wieder auf meinen Besuch freuen, auch wenn dann der Klagenfurter Linuxtag eventuell nicht nur durch Abwesenheit glänzt. ~firefreak
Ich gebe zu, ich war etwas enttäuscht von den Ständen, da hatte ich wesentlich mehr erwartet. Die interessanten Vorträge haben das jedoch weit mehr als wettgemacht und ich würde mich freuen 2011 erneut die Linux Tage zu besuchen. ~GhostLyrics
GhostLyrics und firefreak sind selbst Linuxnutzer, wobei GhostLyrics von firefreaks Interesse zu Ubuntu angesteckt wurde.

Beautiful Disaster
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